Laudatio an Circus

Die Juryvorsitzende Anita Kern hat bei der Preisvergabe am 30.6. die Laudatio auf die Gewinner der Arthur Zelger Preises für gute Gestaltung 2021 gehalten. Wir könnten nicht besser fomulieren, warum das Innsbrucker Grafikdesignbüro CIRCUS ausgewählt wurde und warum Stephanie Walter und Elisabeth Eiter die Förderstipendien erhalten haben.

"Es gibt Preise, die ereilen einen aus heiterem Himmel. Der Arthur Zelger-Preis für gute Gestaltung ist ein solcher. Die Vergabe funktioniert nach dem Kuratorenprinzip. Hier reicht man nicht ein, sondern man wird gesucht, gefunden und ausgewählt.

Ausgewählt von einer Fach- und Sachjury, die aktuell aus sechs Personen besteht: Drei Persönlichkeiten aus Öffentlichkeit und Wirtschaft Tirols  kennen Sie bereits: Dr. Melanie Wiener und Florian Phleps, und ein Mitglied der Zelger-Familie, nämlich Nicola Schlachter-Zelger, die selbst aus der Kreation kommt (wie auch ihre Schwester Elisabeth Mittermayr).

Die 3 Fachjuroren sind meine werten Kollegen Katrin Androschin, Tirolerin in Berlin, Grafikdesignerin, Inhaberin des Branding-Büros Embassy und Professorin für strategisches Design in Berlin sowie Andreas Koop aus dem Allgäu, also quasi von nebenan, Designer und Designphilosoph und Autor zahlreicher Bücher zu Theorie und Praxis des Design. Dritte im Bunde ist Grafikdesignerin und Designforscherin östlich von Tirol und  darf hier als Laudatorin vor Ihnen stehen.

Vorab, so wie letztes Jahr, quasi als Vorband zu den Headlinern, noch zum Arthur Zelger-Förderstipendium, das an Design-Studierende geht, die dabei unterstützt werden, im Rahmen ihrer Master- oder Abschlussarbeit zukunftsweisende Design-Konzepte für Tirol oder als Tiroler/in zu entwickeln. Stephanie Walters Diplomprojekt an der FH Vorarlberg/Intermedia für die Gemeinde Galtür hat die Jury überzeugt mit dem hochaktuellen Thema  der lokalen Kommunikation zwischen Gemeinde und Bürgern, einer tech-nischen Innovation in Form eines Gadgets und dem klassischen Corporate Design-Zugang.  Das auf der Long Range Wide Area-Network-Technologie basie-rende Tool ermöglicht die unmittelbare Weitergabe von wichtigen Informationen an Personen, die sich nicht digitaler Medien bedienen, etwa ältere Menschen oder jene, die keinen Computer und keinen Internetanschluss besitzen.

Das zweitgereihte Diplomprojekt von Elisabeth Eiter an der Kunstuniversität Linz ist Design im besten und ursprünglichen Sinne ange-wandter Kunst.  Der handwerkliche, haptische Design-Zugang – inmitten einer volldigitalisierten Welt – legt seinen Fokus auf Materialität und prakti-sche Anwendung in der Innenarchitektur. Mit der von Eiter entwickelten Freskotechnik auf einem Untergrund, der Millionen Jahre alten Sand  des Pitztaler Gletschers enthält, können Wände grafisch oder malerisch gestaltet werden.   Darüberhinaus weist die Technik auch den praktischen Nutzen der Luftfeuchtigkeitsregulierung auf.  Beide Projekte bedienen sich des Mittels der Designforschung, also  des Findens von Lösungen durch Design.

Zum Arthur Zelger-Preis für gute Gestaltung

Nun habe ich die Ehre und Freude, hier verkünden zu dürfen, dass der Arthur Zelger-Preis für gute Gestaltung 2021 an Circus, Büro für Kommunikation und Gestaltung geht, in personam Andreas Schett, Michaela Posch und Klaus Mayr.

Vertraute Dinge in ungewohnten Kontext stellen, mit feiner Ironie versehen und in eine exzellente Form gießen, das könnte ein Rezept des Büro Circus für die Herangehensweise an seine Aufträge sein.Das Büro Circus ist bis zum heutigen Tag eines der wichtigsten Grafikdesignbüros in Tirol der letzten 25 Jahre. Circus hat stets die neuen Entwicklungen reflektiert, ohne sie zu kopieren. So ist immer etwas höchst Eigenständiges – jenseits „normaler Werbung“ – entstanden.

Circus kann Ironie, mit geschichtlichem Background, mit politischem Background – Wo gehts denn jetzt in Richtung Heimat? Für die Ausstellung „Sehnsucht Heimat“ in der Kunsthalle Tirol wurde gänzlich klischeefrei geworben – so frei, dass sich sogar ein Bischof in seiner Predigt dazu zu Wort meldete.

Tiroler Festspiele Erl: Achtung! Kontrabässe queren die Straße. Und Kühe eskortieren die Festivalbesucher zum Spielort. „Kühe geben mehr Milch, wenn sie Musik hören“, stand auf 3 Millionen Milchpackungen der Tirol Milch zu lesen. Ganz aktuell wurde das Design der Festspiele von Circus ins 21. Jahrhundert befördert und ist immer noch wiedererkennbar. Das ist Kontinuität.

Circus kann Lokalkolorit. Zillertaler Bier – Åftang! Denn dem Klischee kann man in der visuellen Kommunikation nicht aus-weichen – erst recht nicht in Tirol. Aber dann lieber gut, intelligent, zeitgemäß. So bekommt der Altbauer aus einer Tiroler Biedermeier-Malerei den langen Bart von seiner Frau mit dem Elektrorasierer radikal entfernt oder hat in einer Sandwirt-Szene der berühmte Haspinger statt der Kordel ein Kabel für Gutmann-Öko-Strom um die Kapuziner-Kutte gebunden. Dabei sind die Grafikdesigner Circus nicht nur kunstaffin,  sondern auch sprachverliebt und musikvernarrt. So, dass das Literaturhaus am Inn mit einer Bachkantante –  Herz und Mund und Tat und Leben – in Piktogrammen kommuniziert. Warum denn auch Literatur immer mit Text bewerben! (Und ja, das beste Piktogramm für das Wort „Leben“ ist ein Glas Wein, finde ich auch.)

Die Musik spielt eine große Rolle – Mastermind von Circus wie von  Franui gleichermaßen, Andreas Schett, ist das Bindeglied zwischen dem Designbüro und Gott und der Welt, sprich: Künstlern, Handwerkern und Handwerkern des Denkens.  So wird etwa das Kunst-Magazin „Quart“ zur Anbindung Tirols  an die große Welt der Kunst und Kultur und Tirol für die Kunstwelt  interessant.

Das Büro Circus wurde 1996 von Andreas Schett und Kurt Höretzeder gegründet – beide studierten Philosophie, Geschichte und mehr, nur nicht Design – und zu dritt mit Andrea Senfter jahrelang geführt. Michaela Posch (damals Wurzer) und Klaus Mayr kamen dazu: beide waren durch die strenge Schule bei Kurt Höretzeder an der WerbeDesignAkademie Innsbruck gegangen – manche sagen,  das war die beste Zeit der WDA – und beide prägen das Circus-Design bis heute mit ihrem präzisen und sauberen Umgang mit Typografie, dem wesentlichen visuellen Werkzeug des Circus. 

Circus entwickelte seit seiner Anfangszeit ein Qualitätsniveau im Grafikdesign, wie man es in Tirol zu jener Zeit kaum fand – so wurde das Büro fast nebenbei auch zu einem „kreativen Leitbetrieb“ des Landes. Die Typografie ist ein visuelles Werkzeug, in dem es auch Arthur Zelger zu großer Perfektion brachte. Die Liebe zur Typografie ist übrigens nicht die einzige Gemeinsamkeit zwischen dem Namensgeber des Preises und den heurigen Preisträgern:  

Sitz des Büro Circus ist exakt an derselben Innsbrucker Adresse, an der einst Arthur Zelger 1946 sein erstes Grafikbüro eröffnete: Kochstraße 10. Wenn das kein gutes Omen ist!

„Gewaltig“ und „lässig“ – das waren die Titel der zweibändigen Eigenwerbebroschüre von Circus – dem ist nichts hinzuzufügen. Deshalb möchte ich nun den Preisträgern/der Preisträgerin  im Namen der Jury herzlich gratulieren und Wort und Tat an die Frau Landesrätin weitergeben.

Anita Kern für die Jury
30. Juni 2021 

 

 

 

 

 

 

 

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