Alternativen greifbar machen: proben für den Umbruch

Harald Gründl hält im Oktober im Rahmen des WEI SRAUM-Programms den Vortrag  „Das Design der Zukunft“. Wir haben ihn zu einem Gespräch über seine Beobachtungen in 25 Jahren als Designer gebeten. Es geht dabei um Statuskonsum, Kreislaufwirtschaft, neue Ideen von Arbeit und um Werkzeuge für die notwendige Designrevolution.

Das Interview aus unserem aktuellen Programmheft hier zum Nachlesen:

In den letzten Monaten haben wir in vielen Aspekten unseres Alltags anders gelebt und agiert als gewohnt, wodurch bisher Undenkbares plötzlich greifbar wurde. Was davon war interessant für dich, was wird nachhaltig überleben?

Wenn es um große gesellschaftliche Umbrüche geht, ist das Erproben von neuem Verhalten ein ganz wichtiges Moment, auch wenn es diesmal erzwungen war. Den Aspekt der Arbeit fand ich dabei besonders interessant, vielleicht weil wir uns im IDRV* damit schon lange befassen und auch eine Ausstellung dazu gemacht haben, die das Thema an der Schnittstelle zum Design untersuchte. Im Wesentlichen geht es darum, dass wir gesellschaftlich ausverhandeln müssen, wie viel Erwerbsarbeit wir zukünftig in unser Leben lassen wollen oder müssen. Wir haben damals Frithjof Bergmanns Theorie der Neuen Arbeit untersucht, in der er das Arbeiten in drei Aspekte gliedert: ein Drittel Erwerbsarbeit, ein Drittel Eigenproduktion (er nennt das „high-tech-self-providing“, also Herstellungsmethoden mit neuen digitalen Techniken und offen zugänglichen Bauplänen) und ein Drittel der Zeit tun wir „das was wir wirklich wirklich tun wollen“. Sich auf dieses letzte Drittel einzulassen, ist eine echte Herausforderung. Unser Konsum ist ja zu einem großen Teil ein Statuskonsum, wir hecheln Dingen hinterher, die wir nur symbolisch brauchen. Und was tut Bergmann: er stellt Alternativen in den Raum, zum Beispiel einen Teil unseres Konsums auf lokale Wertschöpfung umzustellen und vieles mehr. Das hätte in der Krise ein großes Maß an Resilienz bereitgehalten, ganz anders als unser hochgezüchtetes Konsumprinzip – und das haben viele von uns ja auch so erlebt. Deshalb muss man jetzt Handlungsräume aufmachen, um diese Optionen wirklich auszutesten, und sich überlegen welche Modelle von Wirtschaft und Arbeit tragfähig sind. Natürlich hängen daran eine ganze Reihe von systemischen Änderungen, wenn man das Feld des Designs betrachtet, etwa das Copyright. Es ist erstaunlich welcher Aufwand getrieben wird, andere davon abzuhalten, etwas Gutes nachzumachen. Die Entwicklung hin zu intellektuellen Gemeingütern, also Commons, ist ein massiver Systemwandel.  

  
credits: IDRV

 

Wie ist denn der Begriff Design aus deiner Sicht allgemein konnotiert? Entspricht das noch der Realität und den Anforderungen dieses Berufsfeldes?  

Ich hatte dazu kürzlich ein sehr eindrückliches Erlebnis: unser Designbüro EOOS hat das Social Enterprise EOOS next gegründet. Dafür wollte ich einen Gewerbeschein und war bei der Österreichischen Wirtschaftskammer mit folgender Definition von Design konfrontiert. Design ist demnach „Der Entwurf der äußeren Form von Produkten nach rein optischen und geschmacklichen Gesichtspunkten, ohne konstruktive Planungstätigkeit, unter Ausschluss jeder, einem reglementierten Gewerbe, insbesondere den Ingenieursbüros (beratende Ingenieure) vorbehaltene Tätigkeit.“ Es spricht wohl für sich selbst, wie sehr das an dem was Design heute ist, vorbeigeht. Schon vor 25 Jahren war es unpassend, aber besonders heute im Licht der akuten Klimakrise ist das eine vollkommen unzureichende Agenda für das Design. Ich orte hier ein institutionelles Totalversagen von Ausbildungsstätten, aber auch von einer Community die sich so einer unzulänglichen Definition beugt und der Kammer selbst. Auch wenn Design ein freies Gewerbe ist, müssen solche Begrifflichkeiten laufend hinterfragt und mit der Realität abgeglichen werden. Als wenn uns das Entwerfen von optisch ansprechenden Produkten aus der Scheiße holen würde!  

Ihr habt EOOS vor 25 Jahren als „klassisches“ Produktdesignbüro gegründet, 2008 entstand das Designforschungsinstitut IDRV und heuer das Social Enterprise EOOS next. Ist das eine logische Entwicklung oder fiel irgendwann die Entscheidung für einen bewusst konträren Weg?  

Als wir im Design sozialisiert wurden, da hat man in Mailand Champagnerpartys gefeiert und Philippe Starck hat seinen Hut in die Luft geworfen. Das ist heute nicht mehr so ganz das Bild von Designer*innen, wenn man an die zukünftigen Herausforderungen denkt. Das Umfeld hat sich verändert und damit auch unsere Fragestellungen. In der Wirtschaftskrise 2008 haben wir mit social- und sustainable Design angefangen und anderes zurückgefahren und mit dem IDRV wollte ich etwas zum Diskurs der Designtheorie beitragen, der damals erst sehr mager vorhanden war. Unser Forschungszugang ist ein performativer, aktionistischer und oft provokanter. Statt scientific papers produzieren wir lieber Ausstellungen um Wissen öffentlich zu machen. Unsere erste hatte eigentlich schon alles im Titel: Werkzeuge für die Designrevolution**. Ecodesign, kreislauffähiges Design, die Rolle von Gestalter*innen – all das war damals angesprochen, mit der Bitte, sich doch eins der Werkzeuge zu nehmen und endlich etwas zu tun. Widerständigkeit ist für Gestalter*innen ein zentraler Begriff denke ich; es geht nicht anders als die Systeme laufend in Frage zu stellen.    

Du hast einmal kritisiert, dass der Begriff Kreislaufwirtschaft heute sehr unideologisch von der Industrie und Politik in den Mund genommen wird.  

Ich glaube, wenn man den Begriff ernst nimmt, ist die Kreislaufwirtschaft eine Möglichkeit mit beschränkten Ressourcen großzügiger umzugehen, und damit gleichzeitig ein probates Mittel gegen die Klimakrise. Die blöde G’schichte dabei ist nur: es ist dafür ein vollkommener Systemwandel notwendig, der letztendlich dazu führt, dass sich die Geschäftsmodelle wie wir sie kennen – und da nehme ich Design nicht aus – komplett verändern müssen. Es ist eine relativ einfache Übung, Plastikteile aus dem Ozean zu fischen und daraus Sneaker zu machen. Viel schwieriger ist es, das Produkt langlebig und reparierbar zu gestalten und den Rückfluss von Produkten an den Ausgangsort mitzuplanen um ein re-manufacturing zu ermöglich. Recycling, wie wir es kennen, ist nämlich der Tod des Circular Design, weil dabei enorme Energiemengen vergeudet und ein schlimmer Materialmix erzeugt wird. Außerdem müssen wir die Logik von Konsum als Statuserzeuger durchbrechen uvm. Wenn es nur darum ginge, im Supermarkt das richtige Produkt zu kaufen, wäre das Problem schon längst vom Tisch.  

Was sind die Hebel, um diese Veränderung zu steuern ?  

Die Antwort darauf ist ziemlich simpel: man muss das richtige Verhalten attraktiv machen. Es muss schwierig sein, sich falsch zu verhalten und einfach, sich richtig zu verhalten. Jetzt ist es vielfach noch umgekehrt. Wenn wir draufkommen, dass ein gutes, nachhaltiges Leben uns erfüllter macht, dann ist es einfach sich dafür zu entscheiden. Es gab solche Erfahrungen ja auch in der Pandemiekrise und schon davor eine starke Dynamik mit der Klimabewegung. Wenn man sich allerdings anschaut, wie jetzt alle Ressourcen dafür verwendet werden, zum business as usal zurückzukommen ist das nicht gerade motivierend.

Welche positiven Ideen im Bereich der Gestaltung machen dich hoffnungsvoll?  

Zum Beispiel das Co-Design. Mit Laien Gestaltung zu machen, sie dabei zu unterstützen, ihre Bilder und Visionen umzusetzen. Da nimmt der Designer eine Art dienende Rolle ein, weg vom heroischen Star – auch wenn es ruhig weiterhin Stardesigner*innen geben darf, aber die große Bewegung muss in sich reinhören und widerständig sein.  Außerdem die digitale Fertigung und das open design, etwas das wir ja in den letzten Monate zum Beispiel bei Gesichtsschildern oder Schutzanzügen gesehen haben. Hier wurde kurz geprobt, wie es zukünftig gehen könnten: in interdisziplinären Zusammenarbeiten haben alle ihre gesellschaftliche Rolle wahrgenommen, Universitäten haben ihre 3D-Drucker angeworfen, es wurden Beatmungsgeräte nachkonstruiert, Luxusmarken haben statt Parfum Desinfektionsmittel hergestellt und wo bisher Trachtenjacken genäht wurden, wurde plötzlich was ganz anderes produziert. Das ist schon cool, so kann man sich den Wandel auch bildlich vorstellen. Man hat gesehen was wir hier, vor Ort, alles können. Mit unseren Maschinen, unserem Fachpersonal, unserer Kompetenz. Das ging plötzlich ganz schnell und das gibt Mut. Wenn wir so weitermachen würden, das wäre interessant! Nachdem ich jetzt 25 Jahre Zeit hatte, das „System Design“ kennen zu lernen, mache ich mit EOOS next den Versuch eines Social Enterprise, dessen Geschäftsmodell darauf basiert, die Welt zum Besseren zu ändern. Gesellschaftliche Probleme lösen als Unternehmensziel – wenn man das einmal so klar formuliert, verändert sich der Kontext der eigenen Tätigkeit so massiv, dass sich, so glaube ich, die Dinge in die richtige Richtung entwickeln.

* Das IDRV Institute of Design Research Vienna wurde 2008 als gemeinnützige wissenschaftliche Organisation gegründet und agiert seitdem in der Designforschung, vor allem zu Themen des ökologisch und sozial nachhaltiges Design, der Designgeschichte und -lehre.  ☞ www.idrv.orf  

** Die Ausstellung Werkzeuge für die Design-revolution wurde 2012 im Wiener MAK gezeigt und mündete 2014 auch in eine gleichnamige Publikation, die im Schweizer Niggli Verlag erschienen ist.

 

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